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Hochsensibilität bei Kindern. Ein sehr spannendes, aber noch eher unbekanntes Thema in der Gesellschaft. Vor Kurzem bin ich in eine XING Gruppe zum Thema „Hochsensibilität“ eingeladen worden, um dort die Seite der hochsensiblen Kinder zu vertreten. Bereits nach den ersten Tagen in dieser Gruppe habe ich festgestellt: Ich selbst habe viele Züge hochsensibler Menschen und verstehe plötzlich einiges in meinem Leben deutlich besser. Das war für mich ein echter Augenöffner.

Aber es kam noch viel mehr: Einer meiner Söhne ist definitiv auch hochsensibel. Niemals wäre ich auf diese Idee gekommen. Plötzlich haben so viele Fäden einen Sinn ergeben und sich zu einem Netz zusammen gesponnen. Und das ist wunderbar, denn ich konnte ein ganz anderes Verständnis für mein Kind entwickeln.

 

Vielleicht geht es dir auch so? Du kannst einige Verhaltensweisen deines Kindes nicht einordnen und spürst auch, dass das nicht nur Phasen sind, sondern Persönlichkeit? Deshalb – und weil sie so liebevolle Artikel schreibt – habe ich die Moderatorin der XING Gruppe, Daniela Sattler, gebeten, einen Gastartikel für die Schatzentdecker zu schreiben.

Lest selbst, welche Erfahrungen sie als hochsensibler Mensch gemacht hat und welchen Appell sie an Eltern formuliert.


 

Hochsensibilität bei Kindern muss besser erkannt werden

 

Der Erscheinung der erhöhten Sensitivität haben sich – neben dem Schweizer Psychoanalytiker, Arzt und Mystiker Carl Gustav Jung – bereits einige Psychologen angenommen. Sie schafften jedoch keine ausreichend fundierte theoretische Basis.  Der Grundstein der HS-Forschung wurde erst in den Neunzigerjahren gesetzt. Durch Elaine N. Aron. Dank der US-amerikanischen Psychologin können überempfindliche Menschen nun aufatmen. Es existiert wirklich, das Phänomen der Hochsensibilität.

Die wissenschaftliche Forschung, für die Aron den Ausdruck «Sensory-Processing Sensitivity» (S.P.S.) benutzt, steckt wohl noch in den Anfängen und es gilt noch einiges zu erforschen, bis sich dereinst eine «allgemein anerkannte Ansicht» herauskristallisiert haben wird.  Aber die Untersuchungen auf dem Gebiet der Hypersensibilität sind auf einem guten Weg. Und nur schon die «Bestätigung», dass es Menschen mit einer speziellen Sensibilität wirklich gibt, kann auf Betroffene einen erlösenden Einfluss haben.

 

Das Gefühl anders zu sein

 

Das kann ich als Hochsensible bestätigen. Das Gefühl anders zu sein, war bereits in meiner Kindheit ein treuer Begleiter. Über die Jahre hinweg führte diese Empfindung dann schliesslich zu der Selbsteinschätzung, dass mit mir tatsächlich etwas nicht stimme. Sätze wie:

«Sei doch nicht immer so empfindlich» oder

«Stell dich doch nicht immer so an» und

«Ach, du nimmst dir auch immer alles so zu Herzen»

kratzten an meinem Selbstvertrauen.

Die Folge: Ich zweifelte immer mehr an mir, denn ich war ja offenbar nicht einmal in der Lage, mich im Alltag den verschiedenen beruflichen und privaten Situationen und Begegnungen zu stellen. Die Anforderungen, die ich selber an mich setzte, stiegen immer mehr. Ebenso wuchs der Druck, mich anzupassen. Erschöpfungszustände sowie am Morgen das Bedürfnis, mich unter der Decke zu verkriechen und einfach nicht aufzustehen, waren bei mir keine Seltenheit. Ich wusste lange Zeit nicht, was mir gutgetan hätte, um mich wohl zu fühlen und mein Leben aktiv zu gestalten.

 

Jeder lebt Hochsensibilität auf persönliche Art aus

 

Einen hochsensiblen Menschen kurz zu beschreiben, ist nicht möglich, denn jede hochsensible Person lebt diese Veranlagung auf ganz persönliche Art aus. Die wichtigste aller Eigenschaften aber, die alle Hochsensiblen verbindet, ist wohl die erhöhte Empfänglichkeit für Reize sowie ein sehr intensives Empfinden und Erleben.
Durch die erhöhte Empfänglichkeit für äussere Reize, wie beispielsweise Geräusche und Gerüche sowie durch den Hang, innere Reize (Gedanken und Erinnerungen) intensiver zu empfinden, nehmen Hochsensible generell mehr Informationen wahr. Aus diesem Grund kommen die Betroffenen auch schneller an den Punkt, an dem sie das Bedürfnis haben, sich in eine ruhigere Umgebung zurückzuziehen. Hochsensible nehmen Informationen aber nicht nur intensiver auf, sie verarbeiten diese auch wesentlich tiefer und gründlicher als Normalsensible.

Etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung weisen eine hohe Sensibilität aus

 

Männer sind davon ebenso häufig betroffen wie Frauen.  Hochsensibilität belangt neben der Wahrnehmung auch das Nervensystem sowie das Temperament an und kann sich auf alle Ebenen des Seins auswirken. Also körperlich, seelisch und geistig.
Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern eine Veranlagung, die allen bisherigen Erkenntnissen nach erblich bedingt ist. Wie eingangs erwähnt, ist die Forschung über Hochsensibilität noch lange nicht abgeschlossen und wie der Begriff nach weiteren Jahren wissenschaftlicher Forschung letztendlich festgelegt wird, kann heute niemand sagen. Untersucht und bestätigt wurde indessen, dass hochsensible Menschen generell anfälliger sind für psychische Störungen. Ausserdem sind hochsensible Personen, die eine schwierige Jugend und/oder Traumata erfahren haben, anfälliger für psychische Störungen als Normalsensible.

 

In der Kindheit werden wichtige Weichen gestellt

 

Da hochsensible Kinder allerdings über eine höchst differenzierte Wahrnehmung verfügen und verletzlicher sind als normalsensible Kinder, muss für sie eine «schwierige Jugend» nicht unbedingt eine «erschütternde Kindheits-Situation» bedeuten. Auch ganz subtil ablaufende, quasi unterschwellige Kindheitssituationen im Elternhaus oder im weiteren Umfeld können sich mit der Zeit unter Umständen in einem stets erhöhten Belastungspegel oder in einem andauernden Fremdheitsgefühl manifestieren. Erfährt ein solches Kind dazu von den «allwissenden Grossen» noch Unverständnis, kann es sukzessive in das Gefühl hineinwachsen, irgendwie «falsch» zu sein. Für ein Kind ist es ja nicht möglich, sich abzugrenzen und die eigenen Wahrnehmungen als stimmig zu erkennen. Das Gefühl «falsch» zu sein, kehrt sich dann oft gegen die eigene Person. Das Kind erhofft sich durch Angleichung verständlicherweise bessere Chancen. Solche Anpassungsversuche führen fast zwangsläufig zu Dauerstress.
Obschon uns heute viele hilfreiche Informationen zum Thema Hochsensibilität zur Verfügung stehen, werden bedauerlicherweise noch immer viele Kinder mit unerkannter Hochsensibilität schnell einmal in eine «falsche Ecke» geschoben. Dies mit Begründungen wie «viel zu schüchtern», «kann sich nicht wehren», «isoliert sich», «ist weinerlich» oder «verweigert sich», «ist jähzornig» sowie «ist schnell aufbrausend» und anderen Argumenten. Dabei müsste uns inzwischen doch wirklich bewusst sein, dass in der Kindheit wichtige Weichen gestellt werden. Gerade bei hochempfindlichen Kindern, die sich in schwierigen Situationen befinden, braucht es nämlich nicht viel, um sie in ihrer positiven Entwicklung zu beeinträchtigen.

 

Woran erkenne ich, ob mein Kind hochsensibel ist?

 

Weil sich die einen Kinder bei Überforderung zurückziehen, während andere dem Zuviel an Reizen mit Verweigerung begegnen, fällt das Erkennen von Hochsensibilität häufig schwer.

Aber es gibt durchaus einige brauchbare Merkmale:

  • Nach einem turbulenten Tag kommt das Kind schwer zur Ruhe und schläft lange nicht ein.
  • Mit grossen Veränderungen (z.B. Umzug, neue Schule, neuer Schulweg, neue Lehrerin) kommt das Kind schlecht klar.
  • Das Kind mag lieber ruhige, tendenziell analytische Spiele als solche, die auf hohem Interaktionsfaktor oder schnellen Reaktionen beruhen.
  • Das Kind scheint beispielsweise bei Aufgaben, Erledigungen kleinerer Hausarbeiten etc. perfektionistisch zu sein.
  • Das Kind ist recht schmerzempfindlich und reagiert beispielsweise beim Tragen von kratzenden Kleidern (Nähten in Socken, Etiketten in T-Shirts etc.) öfters übermässig.
  • Das Kind ist sehr geruchsempfindlich, sogar bei sehr schwachen Gerüchen.
  • Das Kind kontrolliert respektive schätzt auf dem Spielplatz beispielsweise nochmals die Höhe eines Hindernisses oder die Sicherheit der Seile, bevor es losklettert.
  • Das Kind beweist überdurchschnittlich intuitive Fähigkeiten. Es bemerkt Veränderungen in seinem Umfeld zudem schnell. So etwa in der Einrichtung oder im Erscheinungsbild eines Menschen, aber auch den Stress, die Euphorie oder die Niedergeschlagenheit von anderen. Manchmal scheint das Kind fast Gedanken lesen zu können.
  • Das Kind stellt viele Fragen. Nicht nur zu Praktischem und zu seinem direkten Umfeld, sondern auch zu tiefgreifenden allgemeinen Dingen. Dazu benutzt es früh ein eher «erwachsenes» Vokabular (mit höherem Abstraktionsgrad etwa, als es für Kinder seines Alters üblich ist).
  • Das Kind ist eher eingeschüchtert und tritt vor Fremden oder vor entfernten Bekannten ungern und oft unsicher auf.
  • Das Kind beweist häufig einen (feinen) Sinn für Humor!

Wenn Ihnen einige dieser Anhaltspunkte 1) wiederholt auffallen, kann es durchaus sein, dass Ihr Kind zu den hochsensiblen Persönlichkeiten (englisch Highly Senisitive Persons oder abgekürzt HSP) gehören könnte.

 

Spezielle Verhaltensweisen erleichtern den Alltag

 

In diesem Fall empfiehlt sich eine vertiefte Analyse durch einen Psychologen. Dieser vermag dann aufgrund seiner Eindrücke vom Kind sowie Ihren Berichten und/oder allfälligen Tests die Diagnose zu stellen. Er kann Ihnen danach auch gewisse Verhaltensweisen erläutern, die den Alltag Ihres kleinen «Vielfühlers» erleichtern.
Weil hochsensible Kinder auf vieles empfindlicher reagieren, können sie schnell «quengeln» und ab und zu auch sehr anstrengend werden. Aber das Leben mit Hochsensibilität ist kein Problem, sondern eine Aufgabe, die man anpacken kann.
Und wenn wir uns eingehend mit der Geschichte der Menschheit beschäftigen, können wir feststellen, dass genau dieses «Anders-Sein», «Anders-Denken» oder dieses «Alles-Hinterfragen» von Hochsensiblen zu veränderten Verhaltensweisen, Erfindungen und Entdeckungen führte, die tiefgreifende Fortschritte ermöglichten.

Unsere geschlossene Xing-Gruppe «Konstruktiver Austausch zwischen Hochsensiblen» bietet Ihnen die Möglichkeit, sich in geschütztem Rahmen mit anderen Betroffenen über die Licht- und Schattenseiten dieser Veranlagung auszutauschen.  Sie sind herzlich eingladen!
Hinweis: 1) Diese Verhalten (Anhaltspunkte) kann gehäuft und in Kombination auf Hochsensibilität hindeuten. Einige Punkte wurden gekürzt und adaptiert aus einem englischen Fragebogen von der renommieren Psychologin Elaine X. Aron.
Quellen: „Woran erkennt man hochsensible Kinder?“ v. Reto Meisser, erschienen im Migros-Magazin v. 10.September 2012/ „Das Potential der Hochsensiblen“, Informationen und Rat für hochsensible Menschen (Forum und Blog) von Marianne Schauwecker, Zollikon bei Zürich, Schweiz.

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